| Leni Behrendt nimmt langst den Rang eines Klassikers der Gegenwart ein. Mit gro?em Einfuhlungsvermogen charakterisiert sie Land und Leute. Uber allem steht die Liebe. Leni Behrendt entwickelt Frauenschicksale, wie sie eindrucksvoller nicht gestaltet werden konnen. Gemachlich wanderte ein junges Madchen den Weg entlang, der sich durch die Heide schlangelte. Die Augen, so blau wie der Himmel, der sich uber das vertraumte Stuckchen Erde wolbte, schienen sich nicht sattsehen zu konnen an all dem Neuen, Niegeschauten. Der krautbewachsene Boden, die Baumgruppen und Busche aller Art, der Bach, der munter und geschwatzig uber blankgewaschene Steine hupfte, weiter hinten der Wald, der die Ebene wie schutzend umschlo?, das alles war dem Stadtkind wundersam neu. An einer Stelle gaben die Baume einen Durchblick zum Horizont frei, an dem die untergehende Sonne im Halbrund stand. Wie ein Feuerbrand lohte es ringsum. Die im Schauen versunkene Wanderin, die wie ein verwunschenes Wesen in dieser traumenden Einsamkeit anmutete, lie? sich auf den kniehohen Stein, an den sie fast gesto?en ware, sinken. Dabei gab es ein helles Klingen. Es ruhrte von der Laute her, die dem Madchen auf dem Rucken hing. Schrag uber die Brust lief ein buntbestickter Lederstreifen, der oben und unten an dem Instrument befestigt war und sich lustig auf dem hellen Grund des Kleides ausnahm. Gleichfalls buntbestickte Lautenbander flatterten leicht im sachten Abendwind. Eines davon beruhrte wie liebkosend des Madchens Hand und weckte es aus seiner Versunkenheit. Den Blick wie trunken ins Weite gerichtet, zog es die Laute auf den Scho?, die Saiten klangen auf, und aus einer Wirrnis von Melodien zupfte die zarte Madchenhand eine schwermutige Weise. an verlorenes Gluck. als war's ein Zauberland." O nein, was der jungrote Mund da sang, davon konnte das Herz nichts wissen. Ein Sehnen mochte es wohl erfassen, aber unter Tranen an verlorenes Gluck zu denken, dazu war dieses Madchen bestimmt noch zu jung. Hand in Hand mit dem Liebsten durch den Rosenhag wandeln, vielleicht? Wie unter einem Zwang loste sich der Blick der Sangerin vom Horziont, wo das Abendrot allmahlich verbla?te, und blieb an zwei Menschen haften, die nur einige Meter entfernt standen und dem Gesang wahrscheinlich gelauscht hatten. Der Rollstuhl gehorte eigentlich nicht hierher, wo alles heiligen Frieden zu atmen schien, auch nicht das finstere Antlitz des Mannes, der hinter dem Stuhl stand. Erschrocken stand das Madchen auf und naherte sich zogernd den beiden. |